Glutealtendinopathie (Schmerz am äußeren Hüftknochen)
Schmerzen am äußeren Hüftknochen, dem knöchernen Vorsprung an der Seite, sind häufig und betreffen besonders Frauen im mittleren und höheren Lebensalter. Lange galt eine Schleimbeutelentzündung als Ursache. Heute weiß man: Meist steckt eine Reizung oder ein Verschleiß der Gesäßmuskel-Sehnen dahinter, oft begleitet von einer Schleimbeutelreizung. Fachleute sprechen daher von einer Glutealtendinopathie oder vom Schmerzsyndrom am großen Rollhügel. Typisch sind Druckschmerz an der Hüftaußenseite, Schmerz beim Liegen auf der Seite und beim Treppensteigen. Die gute Nachricht: Ein gezieltes Training der Hüftmuskulatur hilft den meisten Betroffenen nachweislich besser als reine Schonung.

Was steckt hinter dem Schmerz am äußeren Hüftknochen?
Der knöcherne Vorsprung, den Sie an der Außenseite der Hüfte tasten können, heißt großer Rollhügel oder Trochanter major. Über ihn ziehen die Sehnen der mittleren und kleinen Gesäßmuskeln, die das Becken beim Gehen und Stehen stabilisieren. Genau an diesem Sehnenansatz entstehen die Beschwerden.
Früher wurde der Schmerz fast immer als „Schleimbeutelentzündung der Hüfte" (Bursitis trochanterica) bezeichnet, weil über dem Rollhügel auch ein Schleimbeutel liegt. Neuere Untersuchungen zeigen jedoch, dass meist eine Reizung oder ein Verschleiß der Sehnen selbst die eigentliche Ursache ist – eine entzündliche Schwellung des Schleimbeutels ist nicht das Hauptmerkmal[4].
Deshalb fasst man die Beschwerden heute unter dem Begriff Glutealtendinopathie oder Schmerzsyndrom am großen Rollhügel zusammen[4]. Häufig bestehen Sehnenreizung und Schleimbeutelreizung nebeneinander[1]. Der frühere Begriff „Bursitis trochanterica" greift also zu kurz.
Wie entsteht eine Glutealtendinopathie?
Sehnen reagieren empfindlich auf zu viel oder ungewohnte Belastung. Eine plötzliche Steigerung des Trainings, längere Wanderungen, langes Stehen oder einseitige Belastungen können die Gesäßsehnen am Rollhügel überfordern und reizen[1][2].
Eine Rolle spielt auch die Stabilität von Becken und Beinachse: Wenn die Hüftmuskulatur das Becken beim Gehen nicht gut hält, steigt der Zug- und Druckreiz auf die Sehnen am Rollhügel[3]. Bestimmte Haltungen verstärken das, etwa wenn das betroffene Bein über die Mitte gezogen wird.
Auffällig ist, dass Frauen deutlich häufiger betroffen sind als Männer, vor allem im mittleren und höheren Lebensalter[4]. Eine mögliche Erklärung ist die breitere Beckenform, durch die der Winkel der Sehnen über den Rollhügel ungünstiger ausfällt.
Typische Symptome und wie die Diagnose gestellt wird
Das Leitsymptom ist ein Druckschmerz direkt über dem knöchernen Vorsprung an der Hüftaußenseite[3]. Viele Betroffene können die schmerzhafte Stelle mit dem Finger genau zeigen.
Charakteristisch sind Schmerzen beim Liegen auf der betroffenen Seite – oft wacht man nachts davon auf –, beim Treppensteigen, beim Aufstehen aus dem Sitzen und bei längerem Stehen oder Gehen[3][4]. Der Schmerz kann an der Außenseite des Oberschenkels bis Richtung Knie ausstrahlen[2].
Für die Diagnose genügen meist das Gespräch und eine körperliche Untersuchung mit gezieltem Druck und Belastungstests[3]. Eine Bildgebung wie Ultraschall oder eine Kernspintomografie wird vor allem eingesetzt, um andere Ursachen abzugrenzen oder bei unklarem Verlauf[3][4].
Behandlung: aktiv statt nur schonen
Die wichtigste Erkenntnis der letzten Jahre: Reine Schonung ist nicht der beste Weg. Im Mittelpunkt steht heute die aktive Therapie – also Belastungssteuerung kombiniert mit einem gezielten Kraft- und Stabilisationstraining der Hüftmuskulatur[4]. Dieses gezielte Training gilt als Kernbehandlung[4].
Wie wirksam das ist, zeigt eine bekannte randomisierte Studie (der sogenannte LEAP-Versuch). Acht Wochen Aufklärung zur Belastung plus Übungstherapie führten dort bei 77 Prozent der Teilnehmenden zu deutlicher Besserung, gegenüber 58 Prozent nach einer Kortison-Spritze und 29 Prozent beim bloßen Abwarten – und der Vorteil hielt bis zu einem Jahr an[5].
In der akuten, sehr schmerzhaften Phase können kurzfristig Schmerzmittel, Kühlen oder Wärme die Beschwerden lindern und den Einstieg in das Training erleichtern[1][2]. Sie ersetzen die aktive Therapie aber nicht, sondern überbrücken nur die Zeit bis zur Belastbarkeit.
Kortison-Spritzen verschaffen oft nur kurzzeitig Linderung und gehen mit einer höheren Rückfallrate einher als die Übungstherapie[4][5]. Sie sind daher allenfalls eine Ergänzung, kein Ersatz für das aktive Training. Operationen sind nur selten nötig[3].
Wann zur Ärztin oder zum Arzt?
Halten die Schmerzen an der Hüftaußenseite über mehrere Wochen an, bessern sie sich trotz Schonung und Übungen nicht oder schränken sie Ihren Schlaf und Alltag spürbar ein, sollten Sie ärztlichen Rat einholen[3].
Rasch abklären lassen sollten Sie eine Hüfte, die nach einem Sturz oder Unfall stark schmerzt oder nicht mehr belastbar ist, sowie Schmerzen mit Fieber, Rötung und Überwärmung – das kann auf eine Infektion hindeuten[1].
Auch wenn das Bein zunehmend schwach wird, sich taub anfühlt oder der Schmerz weit ins Bein ausstrahlt, ist eine ärztliche Untersuchung sinnvoll, um andere Ursachen wie ein Problem der Lendenwirbelsäule auszuschließen[3].
Was Sie selbst tun können
Vieles, was die gereizten Sehnen entlastet, liegt in Ihrem Alltag. Der wichtigste Hebel ist, die Sehnen nicht ständig gegen den Rollhügel zu pressen. Genau das passiert beim Liegen auf der schmerzhaften Seite, beim Übereinanderschlagen der Beine und beim langen, einseitigen Stehen mit zur Seite gekipptem Becken – diese Positionen klemmen die seitlichen Sehnen besonders ein und reizen sie[3]. Versuchen Sie deshalb, gleichmäßig und aufrecht zu stehen und das Gewicht bewusst auf beide Beine zu verteilen.
Für die Nacht hilft ein einfacher Trick: Legen Sie sich beim Schlafen ein Kissen zwischen die Knie, damit das obere Bein nicht über die Mitte sinkt und an der Hüftaußenseite zieht. Auf der schmerzhaften Seite zu liegen sollten Sie nach Möglichkeit ganz vermeiden. Schon diese kleinen Anpassungen reichen bei vielen Betroffenen aus, um den nächtlichen Schmerz und das morgendliche Anlaufen spürbar zu verringern.
Entscheidend ist außerdem die richtige Dosierung der Belastung. Reine Schonung hilft den gereizten Sehnen auf Dauer nicht – sie werden dadurch eher schwächer und empfindlicher. Eine schrittweise, kontrollierte Steigerung der Belastung dagegen macht die Sehne wieder belastbar. Starke, ziehende Dehnungen über die Hüftaußenseite sollten Sie eher meiden, weil sie die Sehne zusätzlich zusammendrücken und den Reiz verstärken können. Achten Sie auch auf Ihr Körpergewicht, da jedes Kilo weniger die seitliche Hüfte entlastet.
Den größten und nachhaltigsten Nutzen bringt eine gezielt gekräftigte seitliche Hüftmuskulatur: Sie stützt das Gelenk, hält das Becken beim Gehen stabil und nimmt damit dauerhaft Last von den Sehnen. Mit welchen Übungen Sie das zu Hause langsam und dosiert aufbauen können, sehen Sie gleich im Anschluss.
Sanft, sicher und meist ganz ohne Geräte — von Serena Sievers ausgewählt.
Mein Weg mit Ihnen: Trainingsplan und Belastungsaufbau
In meiner Praxis beginne ich mit einer genauen Untersuchung, um die schmerzhaften Sehnen zu bestätigen und Ihre Beweglichkeit und Kraft einzuschätzen. Daraus erstelle ich einen Trainingsplan, der genau zu Ihrem aktuellen Belastungsniveau passt.
Wir starten mit gut verträglichen Kräftigungsübungen für die Hüftstabilisatoren und steigern die Belastung langsam und kontrolliert – Schritt für Schritt, ohne die Sehnen zu überfordern. Parallel zeige ich Ihnen, welche Haltungen und Bewegungen Sie in der gereizten Phase besser meiden.
Mein Ziel ist, dass Sie wieder schmerzfrei auf der Seite schlafen, Treppen steigen und sich bewegen können – und die Übungen so beherrschen, dass Sie selbst aktiv bleiben und Rückfällen vorbeugen.
Mein wichtigster Rat: Geben Sie dem Training Zeit und Regelmäßigkeit – Sehnen brauchen Wochen, um sich an Belastung anzupassen, und gerade die ruhige, gut dosierte Steigerung bringt den größten Erfolg. Vermeiden Sie in der gereizten Phase das Liegen auf der betroffenen Seite und das Übereinanderschlagen der Beine, und gönnen Sie sich beim Schlafen ein Kissen zwischen den Knien. Aufmerksam werden sollten Sie bei Warnzeichen, die nicht zu einer reinen Sehnenreizung passen: starke Schmerzen nach einem Sturz, eine plötzlich kraftlose Hüfte, Fieber mit Rötung und Überwärmung oder Taubheit und ausstrahlende Schmerzen ins Bein. Lassen Sie das bitte ärztlich abklären, bevor Sie weitertrainieren.
Häufige Fragen
Ist es nun eine Schleimbeutelentzündung oder nicht?
Der alte Begriff „Schleimbeutelentzündung der Hüfte" wird heute kritisch gesehen. Meist ist die eigentliche Ursache eine Reizung oder ein Verschleiß der Gesäßsehnen am Rollhügel; eine Schleimbeutelreizung kann zusätzlich bestehen, ist aber selten allein verantwortlich. Deshalb spricht man heute von einer Glutealtendinopathie.
Soll ich mich schonen oder bewegen?
Reine Schonung ist nicht der beste Weg. Wichtig ist eine kluge Belastungssteuerung: stark reizende Belastungen vorübergehend reduzieren, aber gezielt die Hüftmuskulatur kräftigen. Gerade dieses Training ist die wirksamste Behandlung.
Warum tut das Liegen auf der Seite so weh?
Beim Liegen auf der betroffenen Seite wird der knöcherne Vorsprung mitsamt den gereizten Sehnen zusammengedrückt. Das erklärt den nächtlichen Schmerz. Eine Lagerung auf der gesunden Seite mit einem Kissen zwischen den Knien entlastet oft.
Hilft eine Kortison-Spritze?
Eine Spritze kann den Schmerz kurzfristig lindern, der Effekt lässt aber oft nach Wochen bis Monaten nach, und Rückfälle sind häufiger als bei einer Übungstherapie. Sie ersetzt das aktive Training nicht und sollte gut abgewogen werden.
Gibt es Übungen, die ich zu Hause machen kann?
Ja. Für Ihre Beschwerden habe ich eine Auswahl sanfter Übungen zusammengestellt, die Sie sicher zu Hause durchführen können — meist ganz ohne Geräte. Jede Übung hat eine eigene, bebilderte Schritt-für-Schritt-Anleitung mit Hinweisen, worauf Sie achten sollten. Beginnen Sie behutsam und im schmerzfreien Bereich:
Praxisinhaberin und erfahrene Expertin für Physiotherapie in Forchheim. Sie verfasst und prüft die Fachbeiträge dieser Website persönlich — für verständliche, sorgfältig recherchierte Gesundheitsinformationen. Mehr über Serena Sievers →
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Gesundheitsinformation und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Bei anhaltenden oder starken Beschwerden wenden Sie sich bitte an Ihre Ärztin, Ihren Arzt oder direkt an uns.
- MSD Manual, Ausgabe für Patienten – Schleimbeutelentzündung (Bursitis)
- Gesundheitsportal Österreich (gesundheit.gv.at) – Schleimbeutelentzündung, Bursitis
- AAOS OrthoInfo – Hip Bursitis (American Academy of Orthopaedic Surgeons)
- StatPearls / NCBI Bookshelf – Greater Trochanteric Pain Syndrome
- Mellor R. et al., BMJ 2018 (LEAP-Studie) – Education plus exercise versus corticosteroid injection versus wait and see for gluteal tendinopathy



